Triumph in Liebenau!

Die liebenswürdige Uta von Sohl hat uns ihre Rezension unseres Konzertes am 30.10. 2016 in Liebenau zur Verfügung gestellt. Der Artikel erschien am 1.11. 2016 in der Nienburger Zeitung von 1871 DIE HARKE.
Vielen Dank, Frau von Sohl!

Ein wirklich großer Wurf
Eckart Breitschuh singt Lieder von Jacques Brel beim Liebenauer Scheunenverein
Von Uta von Sohl, Liebenau.

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Dem Scheunenverein Liebenau ist mit dem Konzert-Nachmittag von Eckart Breitschuh ein wirklich großer Wurf gelungen. Er war dem legendären Jacques Brel gewidmet.
Wer war nicht in besonders gemütsbewegten Lebenssituationen schon einmal der expressiv-markanten Stimme von Jacques Brel verfallen, die leidenschaftlich alle Facetten des Lebens schonungslos und ohne Tabu offenbart. Die Dynamik aber auch die Zärtlichkeit seiner Chansons war immer Ausdruck seines eigenen Lebens, seiner emotionalen Zerrissenheit und seiner oft irrealen Sehnsüchte. Und selbst wenn die essentiellen Kenntnisse der französischen Sprache nicht ausreichend waren, das Herz und auch der Verstand fühlte immer, was die Stimme Brels oft auch sehr drastisch ausdrückte.
Jacques Brel zählt zu den herausragenden Chansonniers und hinterließ, als er mit noch nicht einmal 50 Jahren nach einem Leben voller riskanter Abenteuer, grandioser Selbstinszenierungen bis hin zu selbstgewählter Insel-Einsamkeit starb, ein riesiges musikalisches Schaffen und etliche Filme, bei denen er teilweise selbst Regie führte.
Eckart Breitschuh, ein Allround-Künstler, nannte sein 2011 entstandenes Programm „Breitschuh singt Brel“, dessen deutsche Übertragungen in Abstimmung mit Jacques Brels Tochter France Brel und den Editions Jacques Brel in Brüssel entstanden sind, was per se schon einer gewissen Authentizität in der Werktreue entspricht. Wie genial er Texte umgeformt hat, wie hinreißend, mal komödiantisch, bisweilen auch perfide, er sie mit großem, farbigen Stimmvolumen zu Gehör bringt, begleitet von seinem großartigen Pianisten Greg Baker, das war nicht nur eine Liebeserklärung an Jacques Brel, sondern auch ein ganz eigenwilliges, hingebungsvolles Konzerterlebnis.
Breitschuh beginnt sein Programm als singender Charming Boy. Eloquent träumt er mit großer Stimme, stets wechselndem Timbre textverliebte utopische Unmöglichkeiten, um dann mit seiner Interpretation „Le Plat Pays“, eingedeutscht „Das platte Land“, ganz bodenständig norddeutsche Assoziationen zu erwecken.

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Mit „L’Ivrogne“ (Der Säufer) besingt Breitschuh die Seligkeit und die Verzweiflung eines Trinkers – himmelhochjauchzend und dem Absturz so nah. Wie nah dies an Brel selbst kam, das war schon erregend. Und weil der Tod bei Brel immer ein großes Thema ist, richtet Breitschuh in seiner Übertragung des Sterbenden „Le Moribond“ wiederum ganz norddeutsch letzte Worte an Hinnerk den Guten und Karl-Heinz, den er nun eben nicht mag.
Kontrastreich dann seine Charakterisierung der Spießer „Les Bourgeois“ Pit und Jan, deren vorgegebene Laufbahn es ist, schließlich ebenfalls einmal Spießer zu werden. Mit dem „Tango Funebre“, dem Begräbnistango, besingt Breitschuh dann die makabren Gedanken und gruseligen Utopien und kokettiert lüstern mit Todesgedanken, um dann mit „Les Bonbons“ heiter, nonchalant und ein wenig zynisch im Sinne Brels als Liebesgabe Bonbons zu offerieren: „Ich habe Bonbons mitgebracht“. Mit einer dramatischen Introduktion zu „Le Dernier Repas“, hier: „Das letzte Mahl“, besingt Breitschuh einen kraftvollen und poetischen Abschied an alle Köstlichkeiten des Lebens. Da darf auch der Messwein aus der Pfalz nicht fehlen.
Als Jacques Brels Vater einen Schlaganfall erlitten hat, schrieb er das ergreifende „Les Vieux“ (Die Alten). Wie einfühlsam und anrührend hat Eckart Breitschuh diese Liebeserklärung an die Alten übersetzt und mit einer starken Bühnenpräsenz stimmlich überzeugend für ein paar sehr nachdenkliche Momente gesorgt.
Mit großem Körpereinsatz erzählte er dann erotisch- überspannt von den Gestrandeten der Nacht und den damit verbundenen Erfahrungen Brels in Paris, um dann zu einem der bekanntesten Chanson „Ne me quitte pas“ mit seiner Beschwörungsformel „Bleib doch bitte da“ die Trostlosigkeit des Verlassenwerdens eindringlich zu beschreiben.
Ganz sicher ist es immer ein sehr gewagtes Unterfangen, die dramatisch-explosiven Texte von Brel in eine andere – unsere Sprache zu übersetzen. Wie sehr dies geglückt ist, das ist dem hohen Niveau und dem Anspruch von Eckart Breitschuh zu verdanken. Er hat Jacques Brel erlebbar gemacht und in seine ganz eigene, sehr persönliche Handschrift übertragen. Es war ein im positiven Sinne erregender und überaus anspruchsvoller Konzertnachmittag. Ein aufmerksames Publikum dankte mit einem begeisterten Applaus.

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